"Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum"

Portrait von einem gelassenen Schreihals einer jungen Stuttgarter Hardcore-Band.







Verzerrte Riffs knallen durch die Verstärker. Trommelschläge prallen gegen die Wände des spärlich beleuchteten, kleinen Raums. Lichter blitzen auf. Eine Menge junger Menschen, entgegen fünf jungen Typen. Einer keift in sein Mikrophon. Los geht’s! Jetzt geht alles ganz schnell. Der mit Instrumenten bewaffnete Fünfer ballert los. Salven aus Schallwellen prasseln auf die Menschenansammlung nieder - im engen, stickigen Musikschuppen. Arme und Beine vermischen sich in einem Knäuel Menschen. Die rythmische Schlacht hat begonnen. Die Band An Early Cascade heizt dem Jugendhaus in Stuttgart ganz schön ein. Heimvorteil, die junge Band kennt hier fast jeder. Man sieht es den Jungs an - es macht ihnen Spaß die Sau raus zu lassen. Maik, der Kerl am Mikro grinst. Bis er wieder die gelassene Miene in einen schreienden Mund verzerrt. Pure Energie.
Maik ist ein angenehmer Kerl. Ein stiller, ausgeglichener und netter Mensch. So brutal seine Musik auch klingen mag, man sieht es ihm nicht an. Eine recht normale verstrubbelte Frisur, auf einem meist freundlich gestimmten, leicht kantigem Gesicht. Wenn man sich auskennt, könnte man anhand seiner Kleidung wenn man wöllte eine Neigung zum Southern-Hardcore Genre aus den Vereinigten Staaten erkennen. Das spiegelt sich auch in dem Bandposter von Every Time I Die, das unter anderem in seinem Zimmer hängt wieder. Für jeden anderen wirkt er aber bestimmt eher ganz normal, in seinem karrierten Hemd und den engen Bluejeans. Wobei man ihn ungern als normal betitelt, wie das eben mit dem Betiteln so ist. Er ist eben auch ein weltoffener junger Kerl. „Gegenüber Menschen und Musik bin ich sehr offen“, sagt er über sich selbst. Sympatisch ist auch, wie der 21-Jährige mit seinen Macken umgeht: „Meine größten Schwächen sind meine Vergesslich- und Tollpatschigkeit. Ich ziehe Fettnäpfchen gerade zu magisch an“, sagt er ohne zu zögern.
Einen großartig ausgetüftelten Lebensplan braucht er nicht; „mir ist auch nicht wichtig mit der Musik Geld zu verdienen, ich nehme es wie es kommt.“ So opfert er auch gerne viel Zeit für die Band und die Musik. Wenn er gerade nicht in den Clubs unterwegs ist, keine Show spielt und auch nicht am Musizieren ist, sitzt er Zuhause in seinem Zimmer, zwischen Trompete, Gitarren, Bandpostern und CDs und hört Musik. Oder er geht eben arbeiten, in einem ganz normalen Betrieb. Man muss offensichtlich kein Rockstar sein um mit der Musik sein Leben erfüllen zu können. Gerade in einer Welt die durch die großen Plattenbosse die Musik an sich eigentlich nur vermarktet, ausschlachtet, und gewissermaßen ihrer Seele beraubt: „Es wird alles ausgequetscht bis nichts mehr Profitables übrig bleibt.“ So machen die Bosse wie Dieter Bohlen „mit der Überflutung von ein und dem Selben, alle Jahre wieder“ den Musikmarkt kaputt. „Es ist nur schade, dass durch diese Trendvermarktung das Emo-Genre missbraucht wurde.“ Aber so ist es eben mit den Trends und den Musikschubladen. Sei es „Pop, pseudo-R&B, Rock, Hip Hop“ oder „123-core“ alles wird tod-vermarktet. Wie gut, dass es noch Subkulturen und Bands wie An Early Cascade gibt.
Maik muss nicht auf der Bühne stehen, sagt er. „Ob ich jetzt auf dem Fußboden stehe und singe, oder auf der Bühne, macht für mich keinen unterschied“ Hauptsache die Energie fließt zwischen Band und Publikum. Traurig ist es wenn die Band alles gibt, und das Publikum nichts zurück gibt. Der Musik von An Early Cascade kann es kaum an Energie fehlen. „Unsere Musik kann man sehr gut als Mischung aus modernem Hardcore mit Metal-Elementen bezeichenen“ sagt Maik, er legt sich aber nicht gerne auf eine Richtung fest. Von all diesen Genre-Bezeichnung halte er sowieso nichts. „Die Leute sollen selbst entscheiden wo sie uns hinstecken wollen,“ wenn die Band sich festlegen würde, käme das dem „sich auf der Stelle bewegen“ sehr nahe, und das will er auf keinen Fall. So stolz wie Maik auf die aktuelle Disc „Your Hammer to My Enemy“ sein könnte, betont er immer wieder, wie das erst der Anfang der Entwicklung von An Early Cascade sei. All die früheren selbstveröffentlichten CDs tut er als „Reinschnuppern in die Musik“ ab. Beachtlich, angesichts dessen, dass die aktuelle CD „Your Hammer to My Enemy“ von einem Label veröffentlicht wurde. Somit quasi weltweit bei Amazon und iTunes, teils auch bei Saturn oder Mediamarkt, zu finden ist.
Das ist schon eine Leistung, denn die Scheibe haben die Jungs in Eigenregie zwischen Matratzen und Studioequipment aufgenommen.
Aber wie kommt man eigentlich dazu Hardcore-Musik zu machen? Im Falle von Maik ist das eine eher kuriose Geschichte. „Ich habe mit Blockflöte spielen begonnen.“ Sagt er und lacht. „Als ich sieben war.“ Später probierte er sich an der Oboe, das Instrument war aber seinem Vater zu teuer. „Danach hab ich sieben Jahre lang Trompete gespielt, was ich aber aufgab als ich mit E-Gitarre anfing.“ Und jetzt singt er „auf Englisch, weil ich die Sprache in ihrer Artikulation angenehmer und gemütlicher finde als Deutsch“. Mal schreiend, mal melodiös. Das Trompetespielen tat da bestimmt seinem Stimmvolumen ganz gut. Seine Inspiration hat er wohl kaum von seiner ersten CD im eigenen Besitz genommen, die hätte nämlich auch der Anfang allen Endes sein können: „Meine erste Platte war glaube ich die Single Quit Playing Games With My Heart, 1996, von den ach so bekannten Backstreet Boys“ sagt er unverblümt und lacht wieder. Über eine Punk-Cover Band bis zu den ersten eigenen Songs kam er dann mit seinen Kumpeln aus der Schulzeit dazu 2004 An Early Cascade zu gründen. Musik spielt schon immer eine elementare Rolle in seinem Leben. Auf die Frage was Musik für ihn bedeute, bringt Maik eiskalt ein Zitat von Friedrich Nietzsche: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ und schaut zufrieden.

Mehr zur Band An Early Cascade:
..auf myspace.com/anearlycascade
oder.. anearlycascade.com

AEC auf Tour:
03.Apr. Lüdenscheid, Alte Druckerei
04.Apr. Nürnberg, Muz Club
05.Apr. Dessau, Beat Club
06.Apr. Berlin, Magnet Club
07.Apr. Ulm, Club Schilli
09.Apr. Stuttgart, Juha West

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