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Wagenhalle wiedereröffnet, bzw. neu eröffnet. Die Kunst-Avantgarde vom Kunstverein Wagenhalle hat ihre Heimat wieder. Wir waren beim Eröffnungswochenende, coronakonform.

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Nach dreieinhalb Jahren ist es doch schon wieder soweit: Der Kunstverein Wagenhalle hat in seine Beheimatung im Stuttgarter Norden wieder, und auch die Container City lebt noch. Es sieht fast so aus als hätte Stuttgart seiner freien Kunstszene eine weitere Chance gegeben. Am zweiten Oktoberwochenende des verflixten Pandemiejahrs 2020 gab es die gute Neuigkeit mit einem Tag der offenen und neuen Ateliers zu feiern. Da gab's Eiblicke in das gelungene neue Konzept, den neuen Neubau und die altgewohnte große Kunst, die hier in dieser Keimzelle der Stuttgarter Avantgarde so gerne entsteht. Dundu, die die animierbaren Lichtriesen sind nur einer der weltweit bekanntesten Exporte hier aus der Halle. In die brandschutzbedingt kernsanierte Wagenhalle haben der Verein, seine Unterstützer und die Stadt Stuttgart gemeinsam ein neues Raumkonzept integriert. Holzwände bilden die neuen flexiblen Atelierräume, für freie Künstler aller Coulleur. Zum hier entstandenen und gewachsenen und selbst ausg…

Schönleben - "Übungen im positiven Denken". Stuttgarter Screamo und Emo-Hardcore-Bausteine neu zusammengesetzt von einer Band, die nicht mehr sein will als diese eine Platte. //Album-Rezension.

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Schönleben. Mit "Übungen im positiven Denken" ist die erste und wahrscheinlich einzige Platte dieser Band, die keine sein will, erschienen. Zusammengesetzt aus Micha und Jan, der ehemaligen Gitarrensektion, der Stuttgarter Emo-Postcore-Band Reznik Syndrom, Micha, dem Leadsänger, der Ludwigsburger 90s-Emo-Screamo-Band We Had A Deal, Martin, dem Schlagzeuger der Emo-Prog-Punk-Band Mahlstrom und Felix dem Bassisten der Hardcore-Band Rêche ergibt sich ein Sound, den wir die letzten fast 10 Jahre in den lokalen linken Zentren und Jugendhäusern viel zu sehr vermisst haben. Die Melodieführung versetzt mich direkt wieder mit Gänsehaut, und in die Klangwelt von Reznik Syndrom. Die Vocals erinnern an We Had A Deal, doch auf Deutsch klingt das anders, ist auch anders intoniert. Kombiniert werden getragene Spoken-Word-Parts mit diesem gewissen Schlagzeugeballer, das das Ganze mit musikalischer Schwere auflädt. Inhaltlich, textlich tief, schwer zu entschlüsseln, wie wir das von den einze…

"How will I rest in peace if I'm buried by a highway?"- KennyHoopla mit einem Debüt zwischen Post Wave, Indie und Teenage Angst //EP-Rezension.

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KennyHoopla ist ein Solokünstler aus Wisconsin, USA. Seine Musik klingt wie eine runtergebrochene Indie-Rock-Band, die sich darauf konzentriert Emotionen und Catchyness aus ihren verqueren Liedern zu destillieren und das Extrakt dann in diese wahnsinnigen Songs zu pressen. Irgendwie schwingt da diese amerikanische, alleingelassene Teenage Angst mit, eine Vorliebe für Post-Punk á la Bloc Party und ein ungemeines Fingerspitzengefühl, mit wenigen Mitteln ziemlich gute Songs zu schreiben und zu bauen. In einem Interview bei der britischen Musikseite NME spricht er genau auch darüber, dass er vor einem Jahr erst diese Art Musik für sich entdeckte, in früheren Stücken auf Spotify klingt das teilweise noch elektronischer. Auch im Opener "thinkingoutloud//" auf seiner Debüt-EP "how will i rest in peace if i'm buried by a highway?//" ist die Gitarre noch im Halfter. Der titelgebende Track besticht hingegen vor allem durch dieses Zusammenspiel, von klaren Rhythmen und si…

Quellen Galerie Im Wizemann. Viva Con Agua ist in der Quellenstraße in Stuttgart Bad-Cannstatt zu Gast. Art Creates Water als Leitmotiv.

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Ich muss euch nicht erzählen, dass die aktuelle Pandemie und die mitgebrachte Krise eine Katastrophe für die Menschheit ist, und ganz nebenbei auch ein riesiger Scheiß für die Kulturlandschaft. Veranstaltungsorte allerorts und auch wie das Im Wizemann in Stuttgart können gerade aus berechtigten Gesundheitsbedenken keine Großveranstaltungen bieten. Leere in den Clubs und Veranstaltungsorten bedeutet auch Leere in den Taschen und Leere auf den Konten der Kulturbetriebe und Künstler. Viva Con Agua, der freundliche Nonprofit aus Hamburg, mit Draht nach Stuttgart (durch Mitbegründer Michael Fritz), hat sich diese Leere nun geschnappt und mit einer temporären Kunstausstellung bestellt. Natürlich werden dabei sämtliche Hygieneregularien befolgt, und so kommt aktuell wenigstens wieder ein bisschen Kultur in die Halle des Im Wizemann.

Hundreds - "The Current". Hamburg-Indie-Ambient-Dream-Pop at its best. Oder ist das dann Electronica mit Klanghölzern? //Album-Rezension.

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Die Milner Geschwister, Eva und Philipp, sind mittlerweile seit über zwölf Jahren Hundreds. Vor einiger Zeit haben die beiden Hamburger ihren Live-Drummer Florian Wienczny in die Band eingebürgert und sind nun ein Trio. Musikalisch hat sich da über die Zeit spürbar nur verändert, dass alle samt sicherer und noch experimentierfreudiger wurden und inhaltlich eventuell etwas optimistischer als noch auf dem Vorgängeralbum. "The Current" ist das aktuelle und vierte Album der düsteren Electro-Pop-Band aus dem Norden. Ich erinnere mich immer wieder gerne daran, als ich zu Studienzeiten in Hannover bei einem kleinen Festival namens Bootboohook in der Live-Location FAUST auf einer kleinen Nebenbühne Hundreds das erste Mal erhaschte. Wie dieses Blog-Archiv belegt, war das 2010. Damals hatte ich schon gemeint, die hätten Großes verdient. Mittlerweile ist die Band recht erfolgreich - für Indie-Pop in Deutschland. Ihren großen zehnten Geburtstag haben sie immerhin in der Elbphilharmonie …

O'Brother - "You and I". Neues von der Band, die jeden immer wieder überrascht, weil sie niemand wirklich auf dem Schirm hat. //Album-Rezension.

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O'Brother, für jeden, der die US-amerikanische Band aus Atlanta nicht kennt, spielen ein spezielles Blend Post-Rock. Mit immer häufiger, aber dezent eingesetzten Elektro-Elementen und Trip-Hop-Anleihen. Mit ihrem 2020er Album "You and I" melden sie sich düster-atmosphärisch zurück. Mal sphärisch, mal druckvoll. Sänger Tanner Merritt besticht mit seiner unverkennbaren Stimme, die irgendwo zwischen Thom Yorke (Radiohead), Dustin Kensrue (Thrice) und John Baizley (Baroness) rangiert. Was eine Range! Willst Du da alleine bei diesem aberwitzigen Namedropping schreien. Und ja genau das ist es eben. O'Brother bedienen nicht nur gesanglich sondern gesamtmusikalisch eine wahnsinnige Bandbreite, die sich von bedächtig ruhig, dynamisch-progressiv in tosend laut wandeln kann, wie kaum eine andere Band. Noch mehr Namedropping? Auf dem Song "Halogen Eye" ist Simon Neil von Biffy Clyro und auf dem Song "Slipping" Jesse Coppenbarger von Colour Revolt mit drauf. …

Is this a new beginning, or are we close to the end? Gute Frage. Enter Shikari - "Nothing Is True & Everything Is Possible" //Album-Rezension.

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"Nothing is True & Everything is Possible". Kaum ein Titel passt besser in unsere Zeit. Alle Ungewissheiten, zwischen Falschmeldungen, Hetze und Verschwörungstheorien. Enter Shikari aus St Albans bei London waren schon immer ein Meister der politisierenden Krawallmusik. Auch auf dem neuen Album schwingt Gesellschaftskritik mit, im Clown-Zelt, auf der Hardcoreshow und der Straße. Das und alles dazwischen findet hier innerhalb von 15 Songs statt. Das ist ein Album das weh tut, dass es in einer solchen Krise erscheint. So ein Album will laut im Club, bei einer Live-Show gefeiert werden. Die Abriss-Parabel möchte ich jetzt gar nicht bemühen. "We're Apocaholics drinking Gin and Tonics." Tja und wenn wir beim Trinken gestörte werden gehen wir auf die Straße demonstrieren, weil unsere Freizeit eingeschränkt wird. Ohne Rücksicht auf Andere. In Großbritannien war schon vor der Gesundheitskrise vieles im Argen, deshalb ist es nur verständlich, dass Enter Shikari dies…