Bands aus Deutschland retten ein Genre

Post Hardcore. Post Punk. Post Emo. Alles Begriffe für ein Genre, das seinen Ursprung mehr oder weniger zeitgleich in den USA und Nord-Europa hatte. Bands wie Hot Water Music (USA), Fugazi (USA) oder Refused (Schweden) gaben die Vorlage für den Nachwuchs wie Thursday (USA), Waterdown (Deutschland) oder Thrice (USA). Der Begriff "Emo" wurde immer mehr publik. Und zu diesem Zeitpunkt, dem frisch angebrochenen 21. Jahrhundert, leidete "Emo" schon unter Bedeutungsverschiebungen. Zwar noch nicht so schwerwiegend, aber den Urknall des Emocore hatte man schon längst vergessen.
Heute asoziiert man mit "Emo" Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren, die sich auf der Suche anders zu sein irgendwo zwischen gespielten Emotionen, Punkrock und Goth verirrt haben. Zusätzlich fühlt man sich als modernes "Emo-Kid" kollektiv missverstanden. Dass das nichts mehr mit der Musik gemein hat, ist offensichtlich.
Auf diesem Hintergrund aufbauend leidet heute die Musikindustrie. Für die der populäre Emo-Trend ein gefundenes Fressen war. Und nach Nu-Metal wird somit das nächste aufrührerische Genre zerstört. Unbedeutende, seelenlose Power-Pop Kapellen spriesen auf Plattenlabels wie Universial oder Sony. Das Schlimmste daran ist, diese Bands werden häufig Emo getauft, da sie Girlie-Shirts und Maskara gepaart mit strähnenartigen Mopfrisuren tragen. So wurden die USA und vor allem das UK mehr und mehr zu Emocore zerstörenden Exportmaschinen. Unter dem schlechten Ruf der Popkultur leiden aber auch Bands, die eigentlich nur Musik voller Herzblut vertonen wollten, denen Musik noch etwas bedeutete. Somit legten Boysetsfire (USA) oder Flyswatter (Deutschland) vor einiger Zeit das Handwerk hin, da die Musik nicht mehr zu funktionieren schien. Und das sind nur zwei Beispiele einer Epidemie.
Auf diesem Fundament macht es wahrlich Spaß die Indie-Bands (indie, sprich unabhängig) in Deutschland zu beobachten. An dem Beispiel des Labels Redfield Records (Haan-Gruiten, Osnabrück) ist es sehr gut zu sehen, wie das Post Hardcore-Movement in unabhängige beständige Gewächse wuchert. Bands wie Fire in the Attic (Bonn), Parachutes (Saarland) oder The Ordinary Me (Frankfurt am Main) zeigen anschaulich wie ein totgeglaubtes Genre mit dem Namen Emo, tatsächlich noch Massen begeistern kann, ohne den Stempel "Sell-Out" zu verdienen. In härteren gefilden fallen dem geneigten Hörer die Metalcore-Institution Waterdown (Osnabrück) ins Auge, die sich über die Jahre mit sämtlichen Lineup-Veränderungen über Wasser halten konnten. Wenn man dann sein Auge weiter in den Süd-Westen der Republik wirft, wird man vor allem über die MySpace-Community auf die junge, wilde, aufstrebende Band An Early Cascade (Kornwestheim, Stuttgart) aufmerksam. Die aus dem Raum Stuttgart kommende Hardcore-Wucht mit Metal- und Screamoeinschlag hat erst kürzlich einen Plattendeal eingesackt und kann dank Midsummer Records und Tornado Music weltweit bezogen werden. Eine wahrlich rosige Aussicht für ein totgeglaubtes Genre, zu mindest aus deutscher Sicht.

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